Warum Creative Commons?
Das Tolle an privatem Eigentum ist ja im Grunde das, was Hegel gegen die gesamte Kantische und Nachkantische Rechtsphilosophie gehalten hat, nämlich dass das Eigentum nicht nur ein Verhältnis von Personen, sondern tatsächlich wesentlich auch ein Verhältnis zur Sache ist. Wenn ein Gegenstand Teil der Objektivierung eines Subjekts ist, dann mag man es diesem Gegenstand nicht ansehen, aber seine Bestimmung hat sich dadurch vollständig verändert. Er wird ein Moment des Weltbezugs des Subjekts, durch den allein es sich als Subjekt erhalten kann. Deutlich ist das bei so Kleinigkeiten wie Büchern, in denen man Unterstreichungen macht, und in denen sich der Eigentümer dann viel sicherer und schneller zurecht finden. Das gleiche gilt aber auch zum Beispiel von einer Wohnungseinrichtung, die dem Bewohnenden Orientierung und ebenfalls Sicherheit, vielleicht sogar das Gefühl, zuhause zu sein, vermittelt und darüber hinaus ermöglicht, einen individuellen Geschmack zu entfalten. Und es gilt ebenfalls bei so Virtuellem wie personalisierten Musiksammlungen, selbst, wenn die auf einem öffentlichen Server gespeichert sind. Selbstverständlich gilt das erst recht für Selbstverständlichkeiten bzw. Dinge, die Selbstverständlichkeiten sein sollten, wie einen personalisiert gefüllten Kühlschrank. Solche Gegenstände wäre im vernünftigen Sinne als privates Eigentum zu bezeichnen, und insofern ist privates Eigentum Voraussetzung jeder Subjektivierung und damit eine tolle Sache.
Leider ist in heutigen Gesellschaften diese Bestimmung des Eigentums nicht die entscheidende, wenngleich sie durchaus vorhanden ist. Was eigentlich vernünftiger Weise nur ein Umgang mit Not und Mangel wäre, nämlich die Frage, wie allgemein zu garantieren ist, dass Eigentum überhaupt irgendwie vorhanden ist, ist in bürgerlichen Gesellschaften in gewisser Weise der Kern des Ganzen. Eigentum besteht hier zuerst in seiner staatlichen Garantie, die zudem auf eine sehr abstrakte Weise hergestellt wird, nämlich durch den gewaltsamen Ausschluss aller anderen. Zugegeben, wenn ein Gegenstand Mangelware ist und viele ihn haben wollen, dann ist das nicht möglich, und die Subjektivität eines Menschen, für den dieser Gegenstand Teil seiner Selbstreflexion geworden ist, zu schützen, ist eine Möglichkeit des Umgangs damit. In Mangelsituationen wird deutlich, dass Eigentum nur Eigentum sein kann, wenn es allgemein anerkannt ist, das heißt, wenn andere Menschen an dem privaten Eigentum nicht kratzen. Eine vernünftige Gesellschaft müsste sich aber zumindest darum bemühen, diesen Mangel zu überwinden, beziehungsweise die Anerkennung dadurch möglich zu machen, dass sie nicht mehr weh tut, statt nur mit den resultierenden Problemen umzugehen, oder noch schlimmer, wie in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, diesen Mangel sogar notwendig zu reproduzieren, obwohl der gesellschaftliche Reichtum gleichzeitig immer größer wird.
Darüber hinaus gibt es aber in gegenwärtigen Gesellschaften auch Gegenstände, bei denen die Bestimmung des Eigentums als Verhältnis zur Sache gar nicht mehr auftaucht. Bei privaten Eigentum an Produktionsmitteln zum Beispiel ist es gar nicht mehr möglich (und nebenbei bemerkt: auch nicht der Zweck, aber dazu gleich), dass der Eigentümer durch sein Eigentum hindurch seine individuelle Subjektivität objektiviert, weil er allein mit diesem Eigentum gar nichts anfangen kann. Im Gegenteil muss er andere Menschen daran arbeiten lassen, die wiederum aber nur den Zweck des Eigentümers verwirklichen und ihre eigene Subjektivität ebenfalls nicht im Produkt objektivieren können -- schlicht, weil ihnen ihr Produkt gar nicht gehört und sie damit gar nichts anfangen dürfen, weniger schlicht, weil die Objektivierung der Subjektivität eben auch Objektivierung eigener Zwecke bedeutet. Bei Dingen, die nur arbeitsteilig genutzt werden können, ist es in Beziehung auf die Subjektivierung albern, sie Einzelnen zu überlassen, und man müsste sich bei solchen Dingen ganz dringend noch einmal überlegen, wie hier kollektives Eigentum und Subjektivität zu einander stünden. Natürlich gibt es auch hier, auch ohne kollektives Eigentum ersteinmal eine Lösung des Problems, wenn man sagt, dass dieses Eigentum selbst zwar nicht in den Kreis der objektivierten Subjektivität eingeht, und auch die Produkte nicht, wohl aber das, was dann mit den Produkten gekauft wird. Vor dem Hintergrund kapitalistischer Akkumulation trägt das aber -- schon vor aller möglichen Kritik an der Zweckmäßigkeit monetärer Vermittlung -- kaum, weil der Großteil des Erwirtschafteten um des Mithaltens in der Konkurrenz willen wieder und immer mehr in die Produktionsmittel fließen muss, so dass sich nicht wirklich die Subjektivität des Eigentümers objektiviert, sondern vielmehr die automatische Subjektivität des Kapitals, die sich im Konkurrenzzwang ausdrückt. Beim privaten Eigentum an Produktionsmitteln ist also nichts von dem, was am Privateigentum sonst wichtig und gut sein könnte, vorhanden. Entscheidend wird einzig der Ausschluss anderer davon.
Noch deutlicher wird die Unterordnung der Bestimmung des Eigentums als Verhältnis zur Sache unter die Bestimmung als Verhältnis zwischen Personen in heutigen Gesellschaften bei solchen Gegenständen, die noch nicht einmal Mangelware sein können, nämlich bei beliebig reproduzierbarem geistigen Eigentum. Jemandem eine CD zu kopieren mindert schließlich in keinster Weise die Möglichkeit, sich durch sie zu subjektivieren und sie in den Umkreis seines Lebens mit einzubauen. Beim Ausschluss aller von solchem geistigen Eigentum wird überdeutlich, dass in es in bürgerlichen Gesellschaften um das Verhältnis zur Sache gar nicht geht, sondern nur um den Ausschluss selbst, beziehungsweise darum, dass er nur durch Kauf überwunden werden kann und soll; also im Endeffekt um die erweiterte Reproduktion der kapitalistischen Konsumgüterindustrie und des Kapitals überhaupt.
An all dem wird man nichts ändern dadurch, dass man seine eigenen geistigen Produkte unter eine GNU-Lizenz oder unter irgendwelche Creative-Commons-Lizenzen stellt. Man führt dabei einzig eine Abwehrschlacht, bei der man versucht, dem Kapital wenigstens einiges wieder zu entreißen, was es sich in den letzten Jahren mehr und mehr angeeignet hat. Lizenzen wie manche der oben genannten (GNU oder CC ShareAlike) machen es unmöglich, Remixe oder Bearbeitungen, die auf unter solchen Lizenzen stehenden Produkten aufbauen, mit einem Copyright im klassischen Sinne zu belegen, das das Kopieren verbietet -- auch wenn man sich bewusst sein muss, dass diese Lizenzen auch nichts anderes sind als ein neues Copyright, also nicht das Copyright überhaupt in Frage stellen. Richard Stallmans Formulierung "legal hack" trifft das Ganze schon recht gut, das Recht wird gegen sich selbst gewandt und damit werden einige freundliche Resultate erzielt, das bürgerliche Recht insgesamt und damit auch dessen von allen vernünftigen Bestimmungen freier Eigentumsbegriff aber dennoch affirmiert. Copyleft-Verfahren sind so überhaupt kein Schritt in Richtung einer befreiten Gesellschaft, in deren Richtung ich will; dennoch haben sie Vorteile. Wie gesagt tragen sie dazu bei, dass ein größer werdender Schatz an Daten für alle Menschen zugänglich wird und die Objektivierung der Subjektivität damit gefördert; und das ist doch schon einmal was. Schöner wäre es, wenn alle genug zum Essen hätten, Wasser, Wohnung und Strom und auch vielleicht, damit das alles nicht ganz absurd wäre, überhaupt die Geräte, um alle diese so frei zugänglichen Daten nutzen zu können-- und damit meine ich kein OLPC, sondern richtige Geräte. Dass das im Moment nicht so naheliegend ist, heißt aber noch nicht, dass der veränderte Umgang mit Daten nicht zumindest für die Leute eine erfreuliche Sache wäre, die sich die Geräte leisten können. Deshalb möchte ich dazu beitragen und stelle alle meine Daten unter die CC-Lizenz Attribution-ShareAlike. Dass ich keine GNU-Lizenz benutze liegt hauptsächlich daran, dass die CC-Lizenzen so laienfreundlich aufbereitet sind, und ich bin nunmal kein Jurist.
